NORBERT STEIN


Norbert Stein

Der Saxofonist und Komponist gründete das Label PATA MUSIC um die Musik der vielfältigen Pata-Ensembles unabhängig zu veröffentlichen: Pata Messengers; Pata On The Cadillac; Pata, Horns & Drums; Pata Generators; Pata Masters; Pata Orchestra; Pata Horns; Pata Trio and Pata Blue Chip.

Zahlreiche Konzertreisen führten ihn - neben vielen Ländern Europas - u.a. nach USA, Brasilien, Afrika, Australien, Singapur und Indonesien. Einige der dabei entstandenen musikalischen Begegnungen (in Kooperation mit dem Goethe-Institut) sind als CDs auf dem PATA MUSIC Label veröffentlicht.

Als Komponist spricht Norbert Stein von sogenannten "inszenierten Räumen", die er in seinen Kompositionen schafft, d.h. er gibt einzelnen Instrumentalisten Stimmungen vor, innerhalb derer sie sich dann solistisch frei bewegen können. Die Stücke präsentieren eine ausgereifte Balance zwischen ausgefeilten Arrangements und viel Spielraum für Spontanität und Interaktivität.

"Pata Music steckt voller Überraschungen und Wendungen, gibt sich offen für allerlei Einflüsse, reißt die Grenzen zwischen scheinbar widerstrebenden Idiomen ein - und braut daraus, ausgehend von der Basis der Jazzimprovisation, etwas Neues, Erregendes. ...

" Um die Herkunft des Wörtchens "pata" aufzuhellen, bedarf es eines kleinen literarischen Abstechers in die faszinierende Welt des Doktor Faustroll. Denn dieser war es, der im Jahre 1898 unter der Federführung des Franzosen Alfred Jarry, den Begriff der "Pataphysik" aus der Taufe hob.

"... die Pataphysik ist eine Wissenschaft, die irrealer Logik und einer neuen Wirklichkeit jenseits der Grenzen der äußeren Erscheinungswelt verpflichtet ist, losgelöst vom gewöhnlichen Kausalitätsdenken. Alles ist verwechselbar, verwandelbar, umkehrbar und austauschbar: Dinge, Zeiten und Räume. Aber nichts ist beliebig, nur ist eben jede Einfachheit eine ineinander verwobene und sich durchdringende Vielfalt."


1973 - 1979: Saxophonstudium an der Musikhochschule Köln

1978 - 1992: Gründungsmitglied der Musikerinitiative Kölner Jazzhaus Initiative

1986: Gründung des Labels PATA MUSIC mit bislang 24 CD Veröffentlichungen

2004 - 2008: Mitgründer und Mitorganisator des James Choice Orchestras

2012 - 2015: Mitgründer und Mitorganisator des Musiklabors Köln


Realisierte Projekte und Veröffentlichungen auf Pata Music:

2017 CD PATA MESSENGERS "We are" Pata 24

2016 CD PATA MESSENGERS "Friends & Dragons" Pata 23

2015 CD PATA MESSENGERS play Rainer Maria Rilke Pata 22

2013 CD "PATA ON THE CADILLAC" Pata 21

2010 CD PATA, HORNS & DRUMS "Silent Sitting Bulls" Pata 20

2008 CD PATA GENERATORS "Direct Speech" Pata 19

2006 CD "Graffiti Suite - Norbert Stein Pata Music played by NDR Bigband" Pata 18

2005 CD PATA GENERATORS - the compact orchestra -"code carnival" Pata 17

2003 Zweite Konzertreise nach Indonesien. Konzerte und CD-Aufnahmen von "Pata Java" Pata 16.
Eine Begegnung mit dem Gamelan-Ensemble KUA ETNIKA im Auftrag des Goethe-Institutes in Jakarta / Indonesien.

2002 CD PATA MASTERS "live in Australia" Pata 15
Live Mitschnitt auf dem Festival in Wangaratta / Australien.

2000 CD PATA MUSIC meets ARFI "Die Schöne und das Biest" / "La Belle et la Bête" Pata 14
Eine Auftragsarbeit der Kulturabteilung Bayer in Zusammenarbeit mit dem WDR

2000 CD PATA BLUE CHIP Pata 13
Elektronische Musik mit Videotraces von Reinhold Knieps

1999 CD PATA MASTERS "Pata Maroc" Pata 12
Entstanden als Musikprojekt in Verbindung mit dem GoetheInstitut in Rabat / Marokko
mit soundscapes von Michael Rüsenberg

1998 CD PATA-BAHIA Pata 11
Entstanden als ein Musikprojekt des Goethe-Institutes Salvador Bahia / Brasilien

1997 CD PATA MUSIC meets ARFI "News of Roi Ubu" Pata 10
Eine Auftragsarbeit der Kulturabteilung Bayer in Zusammenarbeit mit dem WDR

1996 CD PATA MASTERS "Graffiti" Pata 9

1994 CD PATA MASTERS "Blue Slit" Pata 8

1993 PATA ORCHESTER "The Secret Act of Painting" Pata 7
Ein Kompositionsauftrag anläßich vier Kunstausstellungen der Kulturabteilung Bayer

1992 CD PATA HORNS "Talking People" Pata 6

1991 CD PATA ORCHESTER "Ritual Life" Pata 5
Eine Auftragskomposition für die Leverkusener Jazztage

1990 CD PATA HORNS "New Archaic Music" Pata 4

1990 CD PATA ORCHESTER "Die wilden Pferde der armen Leute" Pata 3
Ein Kompositionsauftrag für das Festival "Post this & Neo that"/Köln

1988 LP PATA TRIO "Lucy und der Ball" Pata 2

1987 LP PATA ORCHESTER "Die fünf Tage" Pata 1

Hoehlenmalerei und Saxophonrelief

Andere Veröffentlichungen:

James Choice Orchestra "live at MusikTriennale Köln" (2008)
James Choice Orchestra "live at Moers" (2005)

Adam Noidlt Missiles "Live at Rheinländer" (2000)
voices@stadtgarten (2000)
"ROMA" a soundscape remix, Real Ambient Vol. 1 (1998)
"Immigrés" Maahanmuutajien Musiikkia suomesta (1997)

Kölner Saxophon Mafia "Die saxuelle Befreiung" (1984)
Kölner Saxophon Mafia "Unerhört - Stadtklänge" (1985)
Kölner Saxophon Mafia "Die eiserne Nachtigall" (1987)

Nonett "... und Köln penn" (1981)
Nonett "Zur Lage der Nation" (1982)
Nonett "Wenn der weiße Flieder wieder blüht" (1983)

Boury "Moderne Zeiten" (1982)
Boury "Für Herrn Keupert" (1984)

Headband "Straight Ahead" (1979)
Headband "Suntalk" (1981)
Headband "Fette Brühe" (1982)

Stadtgarten Series 2 (1990)
Stadtgarten Series 6 (1992)

AMF Music "Bunt" (1991)
AMF "Poetic silhouettes" (1993)
AMF Music "A highly ragged guide to my kind of blue(s)" (1994)

Karlheinz Stockhausen "Der Jahreslauf" (1981)
"Vor der Flut" Hommage an einen Wasserspeicher (1985)
Stollwerk Sampler, Off Records 1 (1985)
Klaus Lenz Jazz & Rock Machine "Sleepless nights" (1980)
JazzHausBigband "Open Lines" (1980)
LandesJugendJazzOrchester NRW "First Album" (1977)

Biographie

NORBERT STEIN
SAXOFONIST, KOMPONIST, LABELCHEF
Interview von Hans-Jürgen Schaal
(erschienen in CLARINO)

Um 1980 gehörte der Saxofonist zu den "Jungen Wilden" der Kölner Jazzszene. Auf seinem Label Pata Music dokumentiert er seit über 30 Jahren mit diversen Ensembles seine spannende Musik.

Den ersten Saxofonunterricht erhielt er von seinem Vater. Mit 13 Jahren trat er in den örtlichen Musikverein ein, spielte dort im Blasorchester. Dass es noch ganz andere Klänge gab - etwa Jazz und Neue Musik-, erfuhr er vor allem durchs Radio. Sechs Jahre lang studierte Norbert Stein an der Musikhochschule Köln, wo in den 1970er Jahren Komponisten wie Karlheinz Stockhausen und Mauricio Kagel unterrichteten.
"Köln war ein bedeutender Ort für innovative Musik", sagt Stein heute. "Es herrschte ein mutiger, kreativer Geist des Aufbruchs in neue - auch neue musikalische - Welten." 1980 taten er und andere junge Kölner Musiker sich zusammen und gründeten die Jazz Haus Initiative, zu der die Offene Jazz Haus Schule und das MusIkerlabel JazzHausMusik gehören. Inspiriert war der Schritt von ähnlichen Musikerinitiativen in den USA (Jazz Composers Guild, AACM) oder Frankreich (ARFI).

Die Erfahrungen mit dem Label JazzHausMusik im Gepäck, gründete der Saxofonist 1986 sein Label Pata Music, um noch unabhängiger die eigene Musik produzieren zu können. Der Begriff "Pata" bezieht sich dabei auf die imaginäre "Wissenschaft" der Pataphysik, eine Erfindung des Literaten Alfred Jarry. Wie die Pataphysik, so soll auch Steins "Patamusik" über der Konvention stehen. Alles ist verwandelbar, aber nichts ist beliebig. 24 Produktionen hat Norbert Stein auf seinem Label bislang veröffentlicht - mit großen Besetzungen (zum Beispiel Pata Orchester), mit kleinen Besetzungen (zum Beispiel Pata Trio), mit Weltmusik-Projekten (zum Beispiel Pata Bahia, Pata Java, Pata Maroc) oder mit reiner Bläsergruppe (Pata Horns). Die aktuelle Pata-Band heißt Pata Messengers und ist ein Jazzquartett in der Besetzung Tenorsaxofon, Piano, Bass, Schlagzeug.

CLARINO: Wie prägend war für Sie der Aufbruch der Kölner Szene um 198o? Wie haben Sie das damals erlebt?

Norbert Stein: Die jungen Jahre der Initiative habe ich als sehr kommunikativ, schwungvoll und Idealistisch erlebt. Es entstanden viele eigenständige Ensembles und spannende Produktionen. Ich konnte erfahren, was damals, getragen von dem Geist der Bürgerinitiativen, politisch zu bewirken war. Über die Jahre erkannte ich aber auch, wie sich das Kollektiv durch sich entwickelnde Hierarchien und Machtbestrebungen veränderte. Mein Schritt hinaus in die Selbstständigkeit war dann konsequent und notwendig.

Sie waren Mitte der 1980er Jahre auch Teil der damals gefeierten Kölner Saxophon Mafia, eines reinen Saxofon-Ensembles. Waren Ihre Pata Horns später davon inspiriert?

Die Kölner Saxophon Mafia existierte in der öffentlichen Wahrnehmung zeitgleich mit dem World Saxophone Ouartet und dem kalifornischen Rova Saxophone Quartet. Für uns war das eine gute Herausforderung, eigene Ideen und eigenes Können zu entwickeln. Ein Albumtitel der Kölner Saxophon Mafia war geradezu künstlerisches Programm: " Die saxuelle Befreiung". Nach meinem Ausscheiden war ich dann Mitbegründer der Pata Horns, eines Bläserquartetts aus zwei Holz· und zwei Blechbläsern. Die Musik der Pata Horns war liedhafter als die der Saxophon Mafia, auch romantisch und witzig. Sie schlug einen warmen, stimmigen Bogen von der Tradition hin zu Neuem -"New Archaic Music".

Wie wurden Sie Ihre musikalische Entwicklung als Saxofonist beschreiben? Was hat Sie über die Jahre besonders inspiriert?

"Mikrokosmos" von Béla Bartók hat mich zum ersten Mal mit Bitonalität konfrontiert - etwas, das ich in gewaltigerem Maße später in der 4. Sinfonie von Charles Ives wiedergefunden habe. Auch die grenzgängerische Atonalität Schönbergs war mir ein beglückendes Hörerlebnis Diese sogenannte "A-tonalität" entsprach durchaus der Tonalität meines Weltempfindens. Mich begeisterten die kunstvolle Entfesselung von Urgewalten In der Musik von Xenakis, die saxofonistische Kraft von Pharoah Sanders, die Expression von Archie Shepp, die Kunst von Sonny Rollins und die sich über einen rhythmischen Strom erhebenden melodischen, brennenden Flüge von Gato Barbieri. In den 1970er Jahren habe ich als Klarinettist auch die Darmstädter Tage für Neue Musik besucht. Ich nahm dort an einem Kurs für Multiphonics auf der Oboe teil. "Top-Tones for (the) Saxophone" von Ted Nash und das gleichnamige Übungsheft von Sigurd Rascher haben für mich den engen Rahmen der bisherigen Grifftabelle gesprengt. Sie eröffneten mir das weite Feld der Kunst des Saxofonspiels - zusammen mit Exkursen ins "False Fingering" und Studien zum Erzeugen differenzierter Mehrklänge und Multiphonics auf dem Saxofon.

Sie sind als Komponist mindestens so stark profiliert wie als Saxofonspieler. Wenn man fü̈r improvisierende Musiker komponiert, ist man da auch immer ein Stü̈ck weit ein Stichwortgeber, ein Ermöglicher?

Mein Komponieren hat sich entwickelt aus dem Bedürfnis, etwas zu initiieren und in die Welt zu bringen, das ich gerne hören möchte. Ich komponiere für Improvisatoren. Mein Hauptansatz ist dabei die Melodie. Durch sie inszeniere ich Räume, in denen Musiker über die Interpretation des Geschriebenen hinaus sich und Ihre Kunst zum Ausdruck bringen können. Der komponierte Tell eines Stücks präsentiert, was
ich als Komponist fassen und kommunizieren will. Die offenen Räume dagegen lassen das entstehen, was ich sehr schätze und was mich erfüllt: die musikalische Interaktion und das gemeinsame Schaffen eines starken Augenblicks von intensiver Gegenwart.

Sie sind als Komponist von sehr verschiedenen Welten inspiriert. Wie wurden Sie Ihr Verhältnis zur E-Musik oder zum Jazz beschreiben?

Beide Genres - und auch die Musik aus für mich exotischen Kulturen - haben mir Türen aus dem Bekannten heraus geöffnet. Aber nicht zu verschiedenen Welten hin, sondern zum Erleben einer Welt, die Gegenwart als Ausdruck des Möglichen begreift. Eine Welt im Fluss, voller kreativem Potenzial, in der ich an Neuem teilhaben kann.

Wie wichtig ist Ihnen die Auseinandersetzung mit diesen "exotischen" oder Weltmusik-Konzepten?

Die Kenntnis außereuropäischer Musikkonzepte öffnet Musikern die Augen und Ohren dafür, dass es viele unterschiedliche Möglichkeiten und Regelwerke gibt, um wundervolle und berührende Musik zu schaffen. Jedes Regelwerk schafft eine ästhetische Eigenheit, die nur dadurch entsteht, dass es manches verlangt und manches ausschließt. Solche spezifischen Regelwerke sind als unterschiedliche Musikkulturen nicht nur über Länder verteilt, sondern auch über die Zelt. Die Schönheit der Gregorianik zum Beispiel beruhte auf ihren spezifischen Gesetzen. Solche Gesetze verlangen von den Ausübenden auch spezifische instrumentale oder kompositorische Fähigkeiten und Künste. Über allen kulturellen Unterschieden steht jedoch meines Erachtens ein universelles Verständnis für Rhythmus, Harmonie, Melodie, Energie und Fluss in der Musik. Damit können wir als Musiker über lokale Dialekte hinweg global arbeiten. Darauf basierten zahlreiche Projekte interkultureller Begegnungen, die ich mit meinen Kollegen weltweit realisieren konnte.

Manche Ihrer Pata-Ensembles waren einmalige Projekte, andere von längerer Dauer. War das immer so geplant?

Ich bin grundsätzlich daran interessiert, mit anderen Musikern und Künstlern möglichst intensiv und langfristig zusammenzuarbeiten. Solche langfristigen Kooperationen sind nicht selbstverständlich - und auch sie finden irgendwann ihr Ende. Wann das sein wird, ist immer ungewiss, und der Verlauf spannend. Entscheidend ist, die Zusammenarbeit möglichst produktiv zu nutzen, um gemeinsam in Tiefen, Höhen oder Wahrhaftiges vorzudringen. Der Verlauf ist ein zu nutzender, und das Ende ist oft Anfang des Neuen und des Weiter.

Sind die aktuellen Pata Messengers ein kontinuierlich arbeitendes Ensemble?

Die Pata Messengers sind zurzeit mein Hauptprojekt. Und immerhin arbeiten wir nun als Ensemble schon über drei CD-Produktionen hinweg zusammen. Es ist ein musikalischer Zusammenhalt vorwärts drängender Musiker. Wir haben gleichzeitig eine konzentrierte Nähe in der Arbeit und eine große Distanz in der Verfolgung eigener Wege. Das Ensemble ist ein Fokus innovativer Kräfte - und das ist die Qualität, die ich schätze.

Sie haben mehrfach betont, dass Sie als junger Mensch in Jarrys "Pataphysik" einen Begriff gefunden haben, mit dem Sie sich identifizieren konnten. Würden Sie Ihr Label Pata Music heute wieder so nennen?

Roger Shattuck schreibt: "Die Pataphysik ist die Wissenschaft von jenem Bereich, der sich jenseits der Metaphysik erstreckt; oder auch: die Pataphysik übersteigt die Metaphysik in dem Maße, wie diese die Physik übersteigt [ … ]. Die Pataphysik ist die Wissenschaft des Besonderen, der Gesetze, die die Ausnahmen bestimmen." Also: Kein schlechter Grund, mein Label wieder Pata Music zu nennen!